Messerkriminalität - ein kriminologisches Interview
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Wollinger
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- hochgeladen 11. Juli 2025
Ein kriminologisches Interview mit Prof. Dr. Dirk Baier zum Thema Messerkriminalität.
Dieses Video ist lizensiert nach CC BY-NC-ND (Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/legalcode.de )
Die Namensnennung bitte wie folgt: "Dr. Gina Rosa Wollinger / HSPV NRW, CC BY-NC-ND 4.0"
Speaker 1: Dr. Dirk Beyer ist Professor für Kriminologie an der Universität Zürich. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich schon mit dem Phänomen Messerkriminalität. Speaker 2: In jüngster Zeit werden immer wieder viele Gewalttaten mit Messern in den Medien berichtet. Nehmen diese Straftaten zu? Rund um die Messergewalt. Speaker 1: Haben wir ein Problem, dass wir keine langen Zeitreihen haben, dass uns die Daten fehlen, die uns beantworten können. Im Vergleich von vor zehn Jahren die Dinge explodiert sind oder nicht. In der Kriminalstatistik wird das erst seit 2021 richtig erfasst. Aber wenn wir die Daten zur Hand nehmen, müssen wir sagen Ja, Kriminalität steigt pro Jahr etwa um 10 %. Also auch da explodiert nicht. Das ist nicht dramatisch. Wenn wir Dunkelfeld Befragungen zur Hand nehmen, wo wir das Messer mit sich führen erfassen, sehen wir auch leichte Anstiege. Generell kann man sagen Ja, es verschlechtert sich was. Es ist gut, dass wir da hingucken. Aber Alarmismus wäre hier fehl am Platz. Speaker 2: Welche Bedeutung hat das denn im Gesamtkontext von Gewaltkriminalität? Speaker 1: Ein Beispiel Schwere gefährliche Körperverletzung. Etwa 5 % werden mit Messern ausgeführt, bei Raubtaten sind es 10 %. Das heißt, der Großteil der Gewaltkriminalität passiert ohne Messer. Aber zurzeit ist das Thema medial hochinteressant. Wir haben spektakuläre Taten gehabt. Von daher könnte man das Bild erhalten, dass das das Hauptproblem ist. Nein, Gewalt wird meistens immer noch körperlich ausgeführt und nicht mit irgendwelchen Instrumenten. Speaker 2: Bei den Taten, über die jetzt berichtet wurde, findet viel in der Öffentlichkeit statt. Ist das so? Findet Messerkriminalität hauptsächlich im öffentlichen Raum statt. Speaker 1: Wir haben eigentlich nur eine Studie, die das in der Vergangenheit untersucht hat. Das ist eine Studie der Kriminologen Zentralstelle, sehr verdienstvoll. Und die hat festgestellt Etwa die Hälfte der Messerdelikte passieren im häuslichen Gewalt Bereich. Also haben erstmal nichts mit öffentlichen Raum zu tun. Das haben wir aber überhaupt nicht abgesprochen zurzeit. Das heißt, das Phänomen ist sehr viel heterogener. Wir reden nicht nur über Jugendliche, die sich im öffentlichen Raum mit Messern angehen, sondern es können Partnerin, Expartner sein, die sich so angehen. Wir haben den Extremismus, der ist natürlich im öffentlichen Raum auch, was auch wieder ein spezifisches Phänomen. Wir haben auch psychisch kranke Täter, die das Messer benutzen, um Gewalt zu begehen. Wir haben also wirklich ganz verschiedene Phänomene, die wir zurzeit so zusammenfassen als Messerkriminalität. Speaker 2: Diskutiert wird in diesem Zusammenhang ja auch immer, inwiefern Migration Gewalttaten mit Messern erhöhen? Kann man das sagen? Ist es auch ein importiertes Problem? Speaker 1: Es ist tatsächlich so, sollten wir nicht verschweigen, verschweigt aber im Übrigen auch tatsächlich niemand. Kein Kriminologe, keine Kriminologen, dass die ausländische Bevölkerung unter den Tatverdächtigen der Messerkriminalität überrepräsentiert sind. Etwa 50 % der Personen haben eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit. Und dann müssen wir aber dazu sagen die überwältigende Mehrheit aller ausländischen Gruppen begehen keine Messerkriminalität. Wir müssen dazu sagen, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik Ausländerkriminalität immer überschätzt. Was hat das mit Anzeigerate zu tun? Das hat auch was mit Kontrollverhalten der Polizei zu tun. Von daher Mit Blick auf dieses Thema sind eigentlich die Kriminalstatistik besonders unzuverlässig. Und wenn man das einkalkuliert, fällt der Unterschied schon niedriger aus. Und das, was noch bleibt, können wir eigentlich relativ gut mit der Lebenssituation erklären. Also Personen mit ausländischer Herkunft haben halt schlechtere Lebensumstände, mehr Armut, mehr Arbeitslosigkeit und das führt zu einer stärkeren Involviert heit in Gewalt. Speaker 2: Was kann man denn jetzt tun? Diskutiert werden ja auch Waffenverbotszonen oder wurden auch jetzt vielerorts auch eingeführt. Inwiefern helfen solche Verbots und was wären weitere Maßnahmen? Speaker 1: Also ich bin kein Kritiker der Waffenverbotszonen. Die haben sicherlich punktuell ihre Legitimation in Gebieten, wo man innerhalb kurzer Zeit auf einen starken Anstieg von Kriminalität sieht. Sid, macht es Sinn, einfach mal dieses Zeichen zu setzen. Zu sagen, hier wird jetzt stärker kontrolliert, wenn die Polizei dann auch die Ressourcen dazu hat. Ich bin nur der Meinung, das wird Messerkriminalität nicht langfristig reduzieren, weil es nicht an die Menschen rankommt, nicht an die Haltungen, Einstellungen, warum Menschen Messer mit sich führen und Messer einsetzen. Von daher Pause. Aus meiner Sicht dann ein ganzes Paket an anderen Maßnahmen. Beispielsweise finde ich Gewaltprävention an Schulen, Kompetenzen, Stärken von Kindern, Empathie, Selbstkontrolle beispielsweise. Das sind Wege, womit wir auch Messerkriminalität reduzieren können. Bedrohungsmanagement, Gefährdermanagement verbessern. Wir haben Delikte gehabt, beispielsweise in Aschaffenburg, beispielsweise in Hamburg, wo man weiß, die Menschen waren schon vorher mal auffällig. Man wusste, dass sie aggressiv sind, dass sie gewalttätig sind. Und das könnte man aus meiner Sicht noch besser versuchen zu bearbeiten. Die richtigen Maßnahmen frühzeitig einleiten, das sind Möglichkeiten.
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