Kriminalität im Fokus der Medien - ein kriminologisches Interview

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Ein kriminologisches Interview mit Dr. Thomas Hestermann zum Thema Kriminalität im Fokus der Medien.
 
Dieses Video ist lizensiert nach CC BY-NC-ND ( Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/legalcode.de )
Die Namensnennung bitte wie folgt: "Dr. Gina Rosa Wollinger / HSPV NRW, CC BY-NC-ND 4.0"

Transcription

Speaker 1: Dr. Thomas Hestermann ist Fernsehjournalist und Professor für Journalismus an der Hochschule Macromedia in Hamburg. Seit vielen Jahren untersucht er die Darstellung von Kriminalität in den Medien. Viele Menschen bekommen ja ihre Vorstellung von Kriminalität über die Medien vermittelt. Welches Bild zeichnen denn die Medien für Kriminalität? Speaker 2: Na ja, wir nutzen die Medien nicht wirklich, um zu wissen, wie es da draußen ist, sondern vor allen Dingen, was sich verändert und was das Besondere ist. Also dass zum Beispiel täglich Menschen zur Arbeit gehen, zur Schule gehen, völlig ereignislos. Das ist nicht Medienthema, sondern immer die Abweichung. Und je größer die Abweichung, die stärker die Emotionalisierung, desto eher wird auch Kriminalität beachtet. Also von daher zeichnen die Medien immer einen ganz winzigen Ausschnitt. Und ich glaube, die meisten Menschen wissen auch, dass Das Bild von Kriminalität nicht der Alltag ist, dass nicht ständig gemordet wird und extreme sexuelle Gewalt zum Beispiel passiert. Also insofern sind das Übertreibungen. Die Frage ist immer nur, inwieweit ist dieses Bild verzerrt? Wenn Medien quasi so die Lupe draufhalten und das Außergewöhnliche zeigen? Ich glaube, das verstehen die meisten Menschen. Wenn allerdings zum Beispiel bestimmte tatverdächtigen Gruppen immer wieder in den Fokus rücken, andere nicht. Wenn das Bild nicht nur vergrößert, sondern verzerrt ist. Das macht es sehr viel schwerer, das zu unterscheiden und das auseinanderzuhalten. Speaker 1: Sie forschen ja schon sehr lange zu dem Themengebiet. Welche Verzerrungen zeigen sich denn da in Bezug auf tatverdächtige Täterinnen und Opfergruppen? Speaker 2: Also wir machen diese Forschung tatsächlich seit 2007. Also die Forschung ist in die Jahre gekommen, Wir zeichnen so was wie die Fieberkurve der Gesellschaft. Und auffällig ist, dass wir von den vielen, vielen Kategorien, die wir erfassen. Zum Beispiel Was für Delikte? Wer kommt zu Wort? Was erfahren wir über Tatverdächtige, über Opfer, über alle Beteiligten? Dass wir eine Verschiebung feststellen. Dass wir feststellen, dass das Interesse immer stärker den Tatverdächtigen gilt. Dass das auch die die Aufmerksamkeit dort besonders groß ist und dass dann die Aufmerksamkeit besonders groß ist, wenn die Tatverdächtigen mutmaßlich Nichtdeutsche sind. Und das sind Zahlen, die sind schon außergewöhnlich hoch. Sobald die Herkunft genannt wird, ist sie in. Durch die Jahre über 80 % sind es Nichtdeutsche. Und das führt natürlich zu der Einschätzung, dass Kriminalität überwiegend und oder nahezu ausschließlich von Ausländern Ausländerinnen begangen wird. Speaker 1: Und ist das in den letzten Jahren auch mehr geworden oder war das schon immer eine Verzerrung? Speaker 2: Also es gab. Diese Verzerrung zieht sich durch all die Jahre. Das ist ein relevanter geworden, weil die Herkunft wieder häufiger genannt wird, also wenn man gerade die letzten Jahre betrachtend. 2014 spielte die Herkunft in Fernsehbeiträgen in Fernsehnachrichten Boulevardmagazin praktisch keine Rolle. Dann kam die Nacht, die für viele der. Der Impuls war, noch mal ganz neu die Gesellschaft zu sehen, über Migration nachzudenken. Die Kölner Silvesternacht. Und dann stieg der Anteil. Und 2017 haben wir das gemessen und 2019 noch mal ein weiteres Mal. Und da hat sich die Gesellschaft insgesamt ja auch verändert. Die AfD, stark geworden, ist in den Bundestag eingezogen. Die Migrationsdebatte hat einen völlig anderen Dreh bekommen und dann ist die Herkunft immer häufiger genannt worden. Und dann ist natürlich dieses Verzerrungsmuster immer stärker, weil es immer mehr Beiträge gibt, die sagen Schon wieder ein Afghane, schon wieder ein Syrer, während die die Nationalität von Deutschen eher ausgeblendet ist. Speaker 1: Und wenn wir auf die Opfer schauen, gibt es da auch bestimmte Opfergruppen, die eher genannt werden? Speaker 2: Ja, wir haben am Anfang das Fazit gezogen Jung, weiblich, Deutsch. Also dass das Opfer wirklich so eine Art Lichtgestalt ist. Wir haben das damals genannt, das idealisierte Opfer, und ich habe es später auch in der englischsprachigen Forschung nachgelesen, dass es dort einen ganz ähnlichen Begriff gibt The world Victim, also das Opfer. Das ist quasi wert ist das, dass man Empathie empfindet, dass man sich für dieses Opfer interessiert. Und das ist eben auch wieder eine sehr starke Auswahl sind vor allen Dingen weibliche Opfer, sind vor allen Dingen junge Opfer. Und auch dieses Muster zieht sich durch die Jahre. Da gibt es Veränderungen, also zum Beispiel, dass Opfer eher weiblich sind in den Medien. Das hat sich abgeschwächt, dass Opfer eher kindlich sind. Auch das Muster beobachten wir an manchen Stellen auch abgeschwächt. Und das hat so den Anhaltspunkt dafür gegeben, dass sich die Medien doch eben einfach primär für die Tatverdächtigen interessieren und dass darum eben die Opfereigenschaften nicht mehr sich so stark Auswirkungen auf die Berichterstattung. Speaker 1: Wir sehen in der Medienberichterstattung also eine Verzerrung. Welche Auswirkungen hat das? Speaker 2: Ja. Menschen erleben in der Regel eine schwere Gewalt. Man erlebt nicht, dass der Nachbar umgebracht wird oder dass man sexualisierte Gewalt vielleicht im Nahbereich unmittelbar mitbekommt. Man hört davon in Massenmedien oder in sozialen Medien. Weißt du, bei Menschen persönlich erleben ist zum Beispiel Unordnung. Also dass zum Beispiel der Nachbar nicht so vorbildlich den Müll trennt, wie wir Deutsche das auf tun, dass vielleicht abends noch laut Musik ist oder das Graffiti an den Wänden. Also wir erleben Unordnung und die verbinden wir dann eher mit vielleicht Gewalt berichten. Und wenn vielleicht die Unordnung stärker wahrgenommen wird, dann hat man doch eher den Eindruck, insgesamt gerät die Welt außer Rand und Band. Ich habe eine interessante Erfahrung gemacht. Ich habe ein Interview gegeben mit einem als Wissenschaftler ganz banalen Satz, dass nämlich die Welt, das Dass Deutschland damals sicherer geworden ist laut statistischen Zahlen der Polizei. Aber das ist nicht für viele Menschen nicht so anfühlt. Man kann hinzufügen Aus dem Kalkül bestimmter Einflussgruppen soll es sich auch nicht so anfühlen, Weil Unsicherheit ist ein ganz entscheidender Treiber auch für rechtspopulistische Gruppen. Und dann war so ein Internetforum, das wurde geflutet mit Hunderten von Kommentaren. Der Professor hat keine Ahnung, der ist geschmiert, der ist weltfremd. Da draußen ist doch der Dschungelcamp. Und was macht man als Wissenschaftler? Man lässt das an sich persönlich abperlen und sagt Interessantes Forschungsmaterial. Was sagen denn die Leute da wirklich? Und ich kann interessant sagen haben wir kategorisiert. Also wie oft gibt es sozusagen Korruptionsvorwürfe oder Inkompetenz Vorwürfe? Aber interessanter finde ich noch Wie oft schildern Menschen eigene Gewalterfahrungen? Man sollte ja davon ausgehen, dass wenn ein Mensch sagt Ich weiß es besser als der bekloppte Wissenschaftler. Ich weiß wirklich, wie Gewalt passiert, wie virulent es ist. Dann würde ich doch wohl, wenn ich selber Erfahrungen gemacht habe, meine eigenen Erfahrungen schildern. Also ich würde nicht sagen, ich habe gehört, in Köln ist mal was passiert in der Silvesternacht. Ich würde sagen, ich bin selber überfallen worden. Und das geschieht erstaunlich wenig. Weniger eigentlich, als man von Dunkelfeldbefragung annehmen könnte. Und unser Fazit ist Die sogenannten besorgten Bürger, die sich Sorgen machen um Gewaltkriminalität, erleben sie offenbar selbst besonders selten weniger als Bevölkerungsschnitt. Und das führt eben schon zu der Annahme, dass diese sogenannte Kriminalitätsfurcht gar nicht so sehr mit realer Furcht zu tun hat, sondern eher mit dem Kalkül Wenn man ganz viel darüber redet, wie schrecklich unsicher unser Land ist, dann gewinnt man vielleicht Unterstützung für Law and Order Positionen für rechte Politik.


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Categories: Polizei, Interview
Lizensierung : CC BY-NC-ND : Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung

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