Urbane Sicherheit - ein kriminologisches Interview

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Ein kriminologisches Interview mit Dr. Anke Schröder zum Thema Urbane Sicherheit.
 
Dieses Video ist lizensiert nach CC BY-NC-ND ( Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/legalcode.de )
Die Namensnennung bitte wie folgt: "Dr. Gina Rosa Wollinger / HSPV NRW, CC BY-NC-ND 4.0"

Transcription

Speaker 1: Dr. Anke Schroeder leitet die kriminologische Forschung im Dezernat Forschung, Prävention und Jugend im LKA Niedersachsen. Darüber hinaus ist sie verantwortlich für das Kompetenzzentrum Urbane Sicherheit. Wenn es um das Sicherheitsgefühl geht, dann denken ja viele an die Situation im öffentlichen Raum, sich zu bewegen, irgendwie über einen Platz zu gehen in der Innenstadt. Wie sicher ist man denn in Deutschland? Speaker 2: Also wir sprechen bei uns in der Forschung immer von Gefahren, Orten. Also wir gucken in der Polizeilichen Kriminalstatistik, wo tatsächlich Kriminalität stattfindet. Wir wissen auch, welche Kriminalität sozusagen nachbarschaftliches Miteinander stört. Das ist das, was wir auf der einen Seite angucken. Davon haben wir im öffentlichen Raum nicht sehr viel, das muss man ganz deutlich sagen. Auf der anderen Seite sprechen wir immer von den Angsträumen, also Orte, wo sich Menschen unsicher fühlen. Das sind ganz andere Ursachen, warum man sich unsicher fühlt. Der Ort hat vielleicht fehlende Beleuchtung, ist sozial nicht kontrolliert oder aber man hat ein Erlebnis gehabt und fährt selber ungerne durch diese Gegend. Es ist dunkel oder man ist allein unterwegs und nicht schnell. Dann ist man. Natürlich hat man Angst und dann ist es ein Angsttraum. Das ist genauso real. Aber das hat überhaupt nichts mit diesen Gefahrenorten zu tun, die sozusagen im schlimmsten Fall Kapitalverbrechen sind. Das haben wir im öffentlichen Raum Gott sei Dank sehr selten. Speaker 1: Und welche Räume sind es? Wo haben Menschen eher eine Unsicherheit, wenn man so auf die Stadt gucken kann? Speaker 2: Also Menschen haben in der Regel dort Furcht an Orten, die sozial nicht kontrolliert sind, die unbelebt sind, die unübersichtlich sind, die keine Richtungsweisung haben und die keine Funktion haben, also. Oder es sind Orte, wo eine bestimmte Gruppe die Handlungen beeinflusst, also wo ich mich nicht eingeladen fühle, wo ich keinen Grund habe, mich hinzusetzen oder wo eben andere Gruppen den Raum belegen und sagen okay, du gehörst hier nicht her, Dann fühlt man sich natürlich unsicher. Speaker 1: Und was gilt es dann zu tun? Also wie kann man da urbane Sicherheit schaffen? Speaker 2: Also man muss. Man muss eine Zielformulierung haben. Was will ich von einem Ort? Also soll dieser Ort Transitraum sein? Soll dieser Ort Aufenthaltsmöglichkeiten haben? Soll man an diesem Ort länger verweilen oder soll man da wirklich nur durchgehen können? Das muss man erstmal vereinbaren. Orte sind ja öffentliche Räume, sind ja alles vom Platz bis zu einem Park, aber auch zu Parkplatz. Sind ja alles öffentliche Orte. Und es ist ein Aushandlungsprozess dessen, was man an diesem öffentlichen Ort machen möchte. Hat man einen Innenstadtbereich, der vielfältig genutzt werden soll, dann muss der Ort eben jene Funktion haben, aber auch jene Gestaltungselemente. Dass man neben spielenden Kindern auch ältere Menschen lesend auf der Bank hat oder dass man eine Gruppe an jungen Menschen genug Platz lässt, die dann dort auch skaten können oder so, aber wenn der Raum so eng ist und so begrenzt ist und es zu Konkurrenzen kommt, dann fühlt man sich natürlich nicht willkommen und damit eben auch ja vielleicht ein bisschen zu ängstlich. Speaker 1: Also es ist auch ein Problem von verschiedenen Nutzungsinteressen im öffentlichen Raum. Kann man die auflösen? Findet man da immer Kompromisse oder. Speaker 2: Es ist immer eine Aushandlungssache. Es ist immer eine Aushandlungssache. Es gibt nicht immer die Lösung für alle. Da muss man sich nichts vormachen. Und es gibt. Wenn es problematisch wird, muss man sich Regeln überlegen. Zum Beispiel laute Skaten der Jugendliche, die ja immer so Plätze suchen, wo so Betonkanten sind, wo man so schön dran langschlittern kann, die aber natürlich die Nachbarschaft stört, wenn man abends ins Bett gehen möchte. Da muss man dann Aushandlungsprozesse übernehmen. Oder man muss schauen, ob der Raum die Funktion erfüllt, die man erreichen möchte. Wer geht denn gerne in einen Park, wo hohe Büsche sind, wo du nicht weißt, was hinter dem nächsten Laternenpfahl oder hinterm nächsten Busch ist und wo du weißt, irgendwie. Möglicherweise sind hier Gruppen, mit denen ich gar nichts zu tun habe und ich will ja nur durchgehen. Es ist eine Abkürzung für mich und da muss man eben überlegen, ob man zum Beispiel durch Beleuchtung und Elemente eine Bewegungsrichtung, eine Orientierung vorgibt und wo man aber auch Bereiche lässt für Menschen, die den öffentlichen Raum auch als Schlafplatz benötigen. Denn von denen geht ja erstmal per se keine Gefahr aus. Ja. Speaker 1: Wenn es gar nicht so sehr darum geht, Kriminalität zu reduzieren, um Sicherheitsgefühl zu verbessern, welche Rolle hat dann die Polizei und wer ist noch gefragt? Speaker 2: Also wir. Unsere Aufgabe ist es ja, Kriminalität auch zu verhindern, auch präventiv anzusetzen. Und insofern ist Polizei schon ein Akteur in einer in einem Netzwerk verschiedener Akteure. Wir in Niedersachsen haben die Sicherheitspartnerschaft im Städtebau in Niedersachsen dafür, wo wir gemeinsam an einem Tisch aushandeln, wer welche Rolle übernehmen kann. Wichtig ist, dass man nicht immer und permanent an Abgrenzung denkt, sondern an Kooperation und Zusammenarbeit. Und das kann man am besten, indem man rausgeht, indem man nicht am Tisch irgendetwas verhandelt, sondern indem man rausgeht und anhand des öffentlichen Raumes eben feststellt Okay, hier sind eure Zuständigkeiten und die hören an der Grenze auf. Das sieht man ja auch, wenn zum Beispiel der Übergang zwischen Privateigentum und kommunaler das Eigentum, da erkennt man sofort die Grenze, da hat Polizei nichts zu suchen. Aber Polizei kann Anregungen geben und wir sind in der Kriminal. Wir haben das sozusagen in unserer Ausbildung jetzt verankert, in anderen Fachbereichen, beispielsweise Architektur, Stadtplanung. Da ist es noch nicht verankert, da spielt Kriminalprävention keine große Rolle. Insofern ist Polizei mit dabei. Und tatsächlich Wenn es um Kriminalitätsbekämpfung geht, dann ist es eine ganz andere Ebene, über die wir hier jetzt gar nicht sprechen, weil dann wird Polizei gefordert. Logisch, das ist ja unsere Hauptrolle. Aber dem Bereich der Prävention will ich da nicht unbeachtet lassen. Speaker 1: Welche aktuellen Herausforderungen stellen sich denn gerade für die urbane Sicherheit? Speaker 2: Im Moment haben wir ja die Tendenz der leerlaufenden Innenstädte. Wir wissen Früher galten die Städte, so sind sie aufgebaut, wurden rein nach Kommerz, ein Kaufhaus neben dem nächsten Einkauf, daneben, neben der nächsten Einkaufsmöglichkeit. Wenn diese Funktion jetzt wegfällt und das tut sie gerade, kommt es zu sehr viel mehr Leerstand. Und wenn die Stadt, die Innenstadt, ihre Funktion verliert, dann werden dort Gruppen sich aufhalten, die die Stadt anders nutzen, nämlich jene, die beengt wohnen, die sozusagen ein Stück Freiheit suchen in der Innenstadt. Und dadurch werden sich sicherlich andere wieder ausgeschlossen fühlen oder verdrängt fühlen, obwohl sie die Städte gar nicht mehr nutzen. Das beobachte ich im Moment mehrfach und wir müssen darüber nachdenken, wie hoch der Wohnanteil in unseren Innenstädten zukünftig sein soll, damit wir auch eine Tages und eine Nachtbelegung haben jener Städte.


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Categories: Polizei, Interview
Lizensierung : CC BY-NC-ND : Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung

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